Exklusiv-Interview

White Lab Plus Artikel Design-Sprint: „Ohne viel Blabla zu einem neuen Format“

Artikelbild: Design-Sprint: „Ohne viel Blabla zu einem neuen Format“

Journalist und Design-Sprint-Coach Johannes Meyer erklärt, wie Medienschaffende Ideen und schließlich Formate entwickeln. Die Orientierung an den Nutzer:innen ist dabei eine wichtige Voraussetzung.

Johannes Meyer, den Begriff „Design-Sprint“ haben viele schon gehört, aber so richtig klar, ist den meisten nicht, was bei diesem Workshopformat passiert. Kannst du uns diese Art der Ideen- und Formatentwicklung in einfachen Worten erklären?

Johannes Meyer: Wie du schon sagst, entwickeln die Teilnehmenden eines Design-Sprints Ideen zu einem bestimmten Thema, aus denen dann wiederum etwa bei Journalist:innen neue Formate entstehen. Viele kennen bestimmt das Prinzip des Design Thinkings, das ist ebenfalls eine agile Methode zum Kreativsein. Und das Konzept Design-Sprint leitet sich daraus ab. Dabei presst man also die Methoden des Design-Thinkings in eine zeitliche Form. Und zwar in eine schnelle Form – darum Sprint. Fünf Tage wäre dafür ideal, viele „sprinten“ aber eher zwei bis drei Tage. Bei einem Design-Sprint werden also agile Methoden für neue Ideen und Formate in einen zeitlich festgelegten Rahmen gegossen.

Wie genau läuft der Design-Sprint dann ab? 

Meyer: Bei einem Sprint gibt es fünf Phasen. Im Idealfall also für jede Phase einen Tag, aber man kann das auch variieren und den Prozess beschleundigen. Die fünf Phasen heißen Empathy, Define, Ideating, Prototyping, Testing. Man muss sich das wie einen Zyklus vorstellen – die Abschnitte können sich immer wiederholen oder sich manchmal auch zeitlich unterscheiden.

Die Grafik zeigt den Design-Thinking-Prozess in Sprints zur Ideenfindung und Formatentwicklung. Bild: Adobe Stock

Was passiert in diesen Phasen?

Meyer: In den ersten Phasen befassen sich die Teilnehmenden intensiv mit einem Thema, das im Idealfall vorgegeben ist – beispielsweise sollen sie ein Format zum Klimawandel oder zu Nachhaltigkeit entwickeln. Sie bekommen dafür Input von Expert:innen, berichten aber auch über eigene Erfahrungen und befragen Nutzer:innen in Kurzinterviews, denn um das richtige Format für eben die Leser:innen, Zuhörer:innen oder Zuschauer:innen geht es schlussendlich. Darum bindet man die Nutzer:innen von Anfang an mit ein. In den nächsten Phasen entwickelt man mit diesem Wissen Ideen, diskutiert verschiedene Ansätze, priorisiert auch Informationen – was ist uns bei der Idee besonders wichtig, welcher Aspekt ist nachrangig? Das ist wichtig, um auch zum Ziel zu kommen. Ist eine Idee für ein Format gefunden, wird im Idealfall schon ein Prototyp erstellt. In der letzten Phase wird dieser getestet.  

Warum durchläuft man diese verschiedenen Phasen?

Meyer: Durch diese Phasen entwickeln die Teilnehmenden deutlich zügiger Ideen und kommen noch viel schneller zu entsprechenden Formaten. Die Gruppen diskutieren nicht lange, dafür ist gar keine Zeit, sondern müssen schnell zu Ergebnissen kommen, was meistens auch gelingt. Durch die Nutzer:innenbefragung und den Input der Expert:innen entsteht also erstens ganz viel kreatives Potenzial und zweitens gibt es durch die Schnelligkeit des Sprints kein unnötiges Blabla in Diskussionen, weil die Zeiten knapp bemessen sind. Jeder muss ins Handeln kommen.

Definition: Design-Sprint » Wikipedia

Ein Design Sprint ist ein zeitlich begrenzter Fünf-Phasen-Prozess, bei dem Design Thinking Methoden eingesetzt wierden, um das Risiko bei der Markteinführung eines neuen Produkts, einer Dienstleistung oder einer Funktion zu verringern. Der Prozess soll Teams dabei helfen, Ziele klar zu definieren, Annahmen zu validieren und einen Produktfahrplan festzulegen, bevor mit der Entwicklung begonnen wird. Strategische Fragen werden durch interdisziplinäres "Rapid Prototyping" und "Usability-Tests" angegangen. Dieser Designprozess ist vergleichbar mit den Sprints in einem agilen Entwicklungszyklus.

Wikipedia-Artikel - übersetzt aus dem Englischen.

Ist es ein Problem, wenn die Teams aus unterschiedlichen Bereichen kommen, also ein Journalist beispielsweise mit einer Grafikdesignerin in einer Gruppe ist?

Meyer: Nein, im Gegenteil. Es ist ein großer Vorteil, wenn bei der Ideen- und Formatentwicklung Menschen aus unterschiedlichen Sparten zusammenkommen. Es wäre super, wenn Journalist:innen aus dem Lokalen mit Politik- und Wirtschaftsredakteur:innen diskutieren und kreativ sind. Genauso spannend ist dann auch, wenn es nicht nur unterschiedliche thematische Ressorts sind, sondern auch Medienschaffende von Zeitungen, von Radio oder aus dem Fernsehen mit dabei sind und wiederum Menschen, die im weitesten Sinne mit dem Format zu tun haben – eben Grafikdesigner:innen oder auch Software-Entwickler:innen. Das schafft Dynamik.

Und was haben die Teilnehmenden am Ende des Design-Sprints?

Meyer: Am Ende haben alle Teilnehmenden zwar intensiv und hart gearbeitet, aber mal wieder richtig kreativ über Themen nachgedacht – oft kommt das im Redaktionsalltag leider zu kurz. Außerdem gibt es direkt Ergebnisse: Die Gruppe kann wahrscheinlich auf verschiedene Formate oder zumindest Ideen schauen. Um am Ende werden alle Projekte präsentiert bzw. gepitcht, denn auch das gehört zu einem Design-Sprint dazu. Die Gruppe muss mit dem Format andere überzeugen. Das ist ein spannender Part für alle Teilnehmenden. Und dann steht es jedem oder jeder offen, den Prototypen weiterzuentwickeln und daraus ein funktionierenden Format zu gestalten.

Johannes Meyer » Homepage

Johannes Meyer -

Johannes Meyer arbeitet als freier Journalist, Moderator und Dozent und beschäftigt sich mit Innovationen im Journalismus. Der Design-Sprint-Experte war unter anderem als Fernsehjournalist für das ARD Morgenmagazin, für n-tv und RTL aktiv. Nach dem Studium der Medienwissenschaften an der Universität Siegen absolvierte Johannes Meyer ein Volontariat an der RTL Journalistenschule. 2015 wurde er unter die „Top 30 bis 30“ des Medium Magazins gewählt.