White Lab Plus Artikel Krypto-Hype NFT im Journalismus: Es geht ums Vertrauen

Artikelbild: Krypto-Hype NFT im Journalismus: Es geht ums Vertrauen
© Bjorn Pierre (Unsplash)

Besonders auf dem Kunstmarkt boomen die digitalen Echtheitszertifikate. Auch Medienunternehmen haben die Technologie mittlerweile für sich entdeckt. Welche Rolle könnten NFTs im Journalismus spielen?

Im März 2021 kündigt Twitter-Gründer Jack Dorsey an, den allerersten Tweet der sozialen Plattform zu verkaufen: einen Beitrag vom 21. März 2006 mit dem Wortlaut "just setting up my twttr". Fast 15 Jahre lang existiert der Tweet ohne jeglichen Geldwert, aber nur einen Tag, nachdem er auf der digitalen Auktionsplattform "Valuables" angeboten wird, erreicht das höchste Gebot 2,9 Millionen US-Dollar. Wie kann ein Tweet plötzlichen Millionen wert sein? Dorsey schuf eine tokenisierte Version des Tweets, ein NFT, das dem Käufer die digitalen Eigentumsrechte verleiht.

Dorseys Tweet (oben) wurde als NFT für knapp drei Millionen US-Dollar von Bitcoin-Größe Sina Estavi, Chef von Bridge Oracle, ersteigert. In einem eigenen Tweet (unten) vergleicht Estavi Dorseys ersten Tweet mit der Mona Lisa. Screenshots: Twitter

Was sind NFTs?

  • Die Abkürzung steht für „non-fungible Token“, im Deutschen etwa „nicht austauschbares Merkmal“. Ein NFT ist ein ausschließlich digitales Sammelobjekt, das mit Kryptowährung bezahlt wird. Aus allem, was digital ist, lässt sich ein NFT machen. 

  • Und was digital vorliegt, ist kopierbar. Doch ein NFT enthält etwas, das sich nicht vervielfältigen lässt: das Eigentum am Werk – vergleichbar mit einem Gemälde, das in Form von Postern zahlreich kopiert wurde, es als Original aber nur einmal gibt. 

  • Diese Einzigartigkeit beruht auf der Technologie der NFTs. Hinter jedem Token steckt eine Reihe einmaliger und komplizierter Codes. Diese Codes sind wie Protokolle, die die Herkunft und alle Transaktionen einer bestimmten Datei festhalten. Sie sind nicht zentral gespeichert, sondern befinden sich in der Blockchain, das sind die digitalen Kassenbücher, die hinter Kryptowährungen stehen. 

  • Einzigartigkeit weckt Begehrlichkeit. Wie das Gemälde zu einem weit höheren Preis als seine Replikate verkauft werden würde, so haben auch NFTs einen höheren Wert.

  • Ein NFT bleibt auch nach seinem Verkauf im Internet verfügbar. Jeder kann es weiterhin ansehen. Gehören tut es aber nur einer Person.

Wie nutzen Medien bereits NFTs?

Für Schlagzeilen sorgen NFTs bislang vor allem in der Kunstszene. Christie's, das bekannteste Kunstauktionshaus der Welt, verkaufte im vergangenen Jahr ein digitales Gemälde des Digitalkünstlers Mike "Beeple" Winkelman für gut 69 Millionen US-Dollar. Aber nicht nur in der Kunst werden die digitalen Echtheitszertifikate angeboten. Im Sport lizensieren Clubs, wie der FC Bayern München, NFT-Spielerkarten, in der Musik bringen Bands wie Kings of Leon ihr Album als NFT heraus. Den Hype wollen sich auch Medienunternehmen nicht entgehen lassen. Das „Time Magazine“ bot im März 2021 drei seiner Titelseiten als NFT an. Anfang des Jahres hat die Nachrichtenagentur Associated Press verkündet, dass sie ihre preisgekrönten Nachrichtenbilder künftig auf einem Portal als NFTs anbieten möchte. Und selbst einzelne Artikel landen unter dem "digitalen Hammer". "New York Times"-Kolumnist Kevin Roose versteigerte eine von ihm geschriebene Kolumne für etwa 530.000 US-Dollar. Von diesen Beispielen gibt es mehrere. Bislang scheint es, als wenn Medienunternehmen das Potenzial von NFTs erkannt haben, aber noch experimentieren, wie sie die Zertifikate in Zukunft einsetzen wollen. Einzelne Artikel für aberwitzige Summen kaufen oder Titelcover für ebenso hohe Preise sammeln, wird auf Dauer kein nachhaltiger Markt sein.

Welche Rolle können NFTs im Journalismus spielen?

"What many journalists misunderstand is that blockchain technology isn’t about money. It’s fundamentally about truth, transparency, and participation", meint David Cohn, Innovationsforscher beim US-amerikanischen Medienkonzern Advance. Es geht also nicht um Geld, sondern um Echtheit, Transparenz und Teilhabe - um beidseitiges Vertrauen. Der Deutschlandfunk fasst in seinem Artikel die Idee von Cohn so zusammen: "Auf einer Technologie, die Finanztransfers und Kunsthandel sicher zertifizieren kann, könnte theoretisch auch ein Netzwerk für den Wissenstransfer aufgebaut werden. Ein Netzwerk, in dem die Herkunft von Information und die Echtheit von Quellen via Non-Fungible Tokens verzeichnet werden." Zudem sind Handel und Kommunikation in der Blockchain dezentralisiert und verschlüsselt.

Der US-Autor und Journalist Joel Mark Harris führt für das Medien- und Nachrichtenunternehmen NFT Next mögliche Vorteile der Blockchain-Technologie und der NFTs für die Medienbranche auf (Auswahl):

  • Schaffung und Nutzung von Tools zur Kontrolle der Authentizität und Herkunft von Inhalten

  • Schaffung eines Systems, das Kryptowährungen für die Bezahlung von Nachrichten akzeptiert

  • Verifizierung von Journalisten und Medienmitarbeitern über ein sicheres System, wodurch die

    Verantwortlichkeit bei der Erstellung von Inhalten und der Berichterstattung verbessert wird

  • Schreiben und Berichten von fälschungssicheren, transparenten und verifizierten Nachrichteninhalten

  • Schaffung eines Content-Management-Systems und eines Marktplatzes

Niemand weiß, ob NFTs langfristig einen positiven Einfluss auf die Medienindustrie haben und sich zu einer zusätzliche Einnahmequelle entwickeln können. Was definitiv eine Rolle spielen wird, ist die Blockchain - zum Beispiel als Mittel gegen Falschformationen. Die Technologie könnte dieses Problem lösen oder zumindest verkleinern, da es ein sicheres und überprüfbares System zur Verfolgung von Daten darstellt. Damit wäre schon viel gewonnen. Neben der Suche nach neuen Erlösmodellen ist die Bekämpfung von Fake News schließlich eine weitere Herausforderung im heutigen Journalismus.