Der Paywall-Check: Wie können Medien ihre Artikel monetarisieren?
Erst seit wenigen Jahren haben sie große Verlage auf ihren Seiten installiert und doch gelten klassische Paywalls bereits als überholt. Wir blicken auf den Status quo und stellen Alternativen vor.
Es ist nicht leicht etwas zu verkaufen, was zu Beginn umsonst war. Sich durch die Artikel der New York Times zu klicken, ohne vorher durchzurechnen, wie viele Artikel man diesen Monat bereits gelesen hat. Ein exklusives Interview im SPIEGEL und kein Abo-Aufruf blockiert die erste Antwort. Klamm heimlich die neueste Enthüllungsstory in der BILD lesen. Das waren noch Zeiten! Aber aus medienunternehmerischer Sicht ist es gut, dass sie endlich vorbei sind.
1996 hat das US-amerikanische The Wall Street Journal als eines der ersten Magazine eine harte Paywall eingeführt. Bis sich diese Bezahlschranken auf den Websites der internationalen und deutschen Medien etablieren, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Mittlerweile haben nicht nur Medienunternehmen zu Recht erkannt, dass Paid-Content eine neue und wichtige Erlösquelle ist. Ein Bewusstseinswandel hat auch beim Publikum eingesetzt. Immer mehr Menschen sind bereit, für digitale Nachrichten zu zahlen. 2020 konnten sich laut einer Studie 58 Prozent der Deutschen vorstellen, Bezahlinhalte zu nutzen. Im vergangenen Jahr waren es 60 Prozent. Gleichzitig nimmt auch der im Internet angebotene Paid-Content zu. So wird es für die nächsten Generationen vielleicht selbstverständlich sein, journalistische Inhalte nur gegen Geld zu konsumieren. Bislang würden allerdings von den zuletzt erwähnten 60 Prozent der Deutschen tatsächlich nur 14 Prozent für Online-Nachrichten zahlen. In ihrer Vorausschau für das Medienjahr 2022 sieht es Pia Frey, Gründerin der Online-Meinungsumfragefirma Opinary, etwas düsterer:
„Die erste Paid-Content-Welle ist vorbei. Die Bezahlbereitschaft für Nachrichtenangebote hat sich auf moderate zehn Prozent eingependelt.“
Die erste Welle ist bereits vorbei? Viele Medienhäuser haben erst seit der Corona-Pandemie so richtig in ihre Paywalls und Subscription-Modelle investiert. Entrepreneurin Pia Frey will aber nicht das Ende der Paywalls einläuten. Viel mehr sieht sie es an der Zeit, neue Wege zu denken, um den Zahlungswillen der Nutzer:innen zu stärken. Wir kommen später noch darauf zu sprechen, wie das klappen kann.
Das Modell vieler Medien: Leser:innen mit Freiartikeln locken
Vor lauter Paywalls keine freien Inhalte mehr?
Der ehemalige US-amerikanische Chefredakteur Howard Saltz ist sich sicher, dass Medien nicht mehr auf Werbeanzeigen als Erlösquelle setzen können. Für Werbetreibende seien Nachrichtenseiten einfach nicht so lukrativ. Stattdessen würden sie mehr und mehr dazu übergeben, ihre Anzeigen auf Social-Media-Kanälen zu schalten. Paywalls scheinen für Saltz der einzige Weg. Dafür müssten Nutzer:innen beginnen Artikel als das zu sehen, was sie sind: ein Produkt. Medienunternehmen müssten sie dementsprechend vertreiben.
“If the consumer wants a product, you must pay for the product. And if you don’t want the product, or if too few people want the product, then the product goes away. That’s the free market. I don’t know that this is going to work; I just know that it’s the only thing that can work.”
Dennoch werden Paywalls bzw. ihre massive Verbreitung zunehmend kritisch gesehen. Eine aktuelle Studie des Reuters Institutes (2022) kommt zu dem Schluss, dass fast die Hälfte der befragten Nachrichtenverantwortlichen (47 Prozent) befürchtet, dass Abo-Modelle weniger gebildete und weniger zahlungsfähige Leser:innen ausschließt. Stattdessen sind Nachrichtenangebote im Netz vor allem einer reicheren Bevölkerungsgruppe zugänglich.

Soziolog:innen halten eine Entwicklung in diese Richtung für möglich, auch wenn es bereits Abo-Angebote für weniger finanzstarke Zielgruppen gibt, wie das Beispiel mit den Student:innen zeigt. Dieser Artikel begann mit einem Sprung in die Vergangenheit, in der die meisten Beiträge im Internet noch kostenlos gewesen waren. Natürlich sollte der Journalismus keinen Teil der Bevölkerung bevorteilen oder ausschließen. Aber muss er dafür wieder zurück in die Zeiten des freien Angebots? Vor dem Internet gab es schließlich auch keinen Journalismus for free. Nutzer:innen sollten nicht vergessen, dass auch Nachrichten- und Medienhäuser Produkte produzieren. Und wie sagte Howard Saltz? Wenn du ein Produkt haben möchtest, dann musst du auch dafür bezahlen.
Paywalls und Abonnements werden weiter zunehmen - und das scheint auch notwendig, solange es keine anderen, nachhaltigen Finanzierungsmöglichkeiten für Verlage gibt. Beim Einrichten ihrer Bezahlschranken sollten Medien jedoch darauf achten, dass aus der Paywall keine sprichwörtliche Mauer wird, die nur die wenigsten überwinden können. Hybride Formen und Angebote scheinen aber eine Möglichkeit zu sein, den Kreis der Abonnent:innen zu erweitern.
Lese-Tipp: Interessante Alternativen zur harten Paywall
Lies hier in unserem White-Lab-Beitrag zu den interessantesten Alternativen, wie klassische Paywalls variieren können und was Expert:innen für das Medienjahr 2022 noch voraussagen.